Jüdische Hausbewohner:
Guggenheimer, Einstein und Barth
Der jüdische Kaufmann Jakob Guggenheimer wurde 1868 in Ulm-Wiblingen geboren. Er kaufte das Haus im Jahr 1910 und wohnte mit seiner Frau Helene (geb. Feigenbaum) und seinen drei Kindern Heinrich, Lothar und Irene im Erdgeschoss. Dort führte er auch das unter dem Namen seines Vaters Heinrich Guggenheimer laufende „Spezialgeschäft“ für Schneiderartikel und Seilerwaren.
Guggenheimers Tochter Irene war seit 1936 mit dem jüdischen Kaufmann Arthur Einstein verheiratet und wohnte nun mit ihm und ihren Kindern auch im Erdgeschoss. Arthur Einstein war entfernt mit dem 1879 in Ulm geborenen Physiker Albert Einstein verwandt: Sein Urgroßvater und Albert Einsteins Großmutter väterlicherseits waren Geschwister.
Nach der Machtübernahme durch die National-sozialisten Anfang 1933 waren auch die etwa 530 Ulmer Juden (0,7 % der Einwohner) stufenweise wachsenden Verfolgungen und Feindseligkeiten ausgesetzt. Der systematische Entzug der Bürger-rechte und die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz gipfelten im November 1938 auch in Ulm im staatlich inszenierten Pogrom, der so ge-nannten „Kristallnacht“.
akob Guggenheimer ahnte schon frühzeitig, dass man „die Juden in Deutschland nicht mehr leben lassen“ wolle. So entschied er sich im März 1938 schweren Herzens zum Verkauf des Gebäudes und zur Emigration mit der Familie seiner Tochter aus seiner Heimatstadt. Er erlebte die Auswanderung nicht mehr, da er nur wenige Monate nach dem Verkauf des Hauses im Juni 1938 verstarb. Seiner Tochter Irene und ihrer Familie gelang es, im Dezember 1939 über Rotterdam in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, wo sie an der Ostküste in Newark im Bundesstaat New Jersey ein neues Leben ohne Diskriminierungen beginnen konnten.
Wie vorausschauend diese Entscheidung für eine Auswanderung aus dem nationalsozialistischen Deutschland war, wird anhand des Schicksals der Familie des jüdischen Viehhändlers Heinrich Barth deutlich, die von circa 1925 bis 1933 als Vorgänger der Familie Scholl die Wohnung im 1. Stock bewohnte: Heinrich und Else Barth wurden zusammen mit ihrer 13jährigen Tochter Suse Ende November 1941, im Rahmen der ersten von drei großen Juden-Deportationen aus Ulm, nach Riga verschleppt, wo sie unter schrecklichen Umständen umgekommen sind.


